October 11, 2006
Ich mag diese Jahreszeit. Wenn man in der Frühe vom Zug aus die nebelverhangene Landschaft betrachtet, wie die Sonnenstrahlen sich durch den dichten weißen Vorhang kämpfen, über Dir die Ahnung eines coelinblauen Himmels - schon schön. Und gut geeignet, um sich in die richtige Stimmung für einen von Wolf Haas’ Brenner-Romanen zu versetzen. Weil, da brauchst halt schon eine eigene Verfassung dazu, so das mit dem Nebel und dem gemächlich dahingleitenden Zug, das paßt.
Schon in der übernächsten Station wird einem dann die ganze schöne Lesestimmung ruiniert, denn es hat just wieder einmal ein ganzer Schippel Halbwüchsiger hinter Dir Platz genommen, offenbar kollektiv an einer sehr schweren Form von juveniler Logorrhoe leidend. Die Armen! Der ganze Zug mutiert instantan zur Krankenstation für die Siechenden, die lautstark das restliche pendelnde Volk mit den Symptomen bekannt machen. Kurz, was oder wer oder wie denn nicht alles Scheiße oder Oasch oder was weiß ich sei.
Ich hatte und habe ja ausgiebig Zeit, die verschiedenen Formen zu studieren:
- Eine typische Form findet sich zwischen zwei weiblichen Wesen im mittleren Teenageralter. Mich verblüfft ja immer wieder, wieviel man plappern kann, ohne dazischen merklich nach Luft zu schnappen. Wenn sie dann noch dazu ein gewisses infantiles Gehabe (noch) nicht abgelegt haben und die ohnehin schon eher laute Unterhaltung auch noch im hohen Quietschtonbereich stattfindet, nun das ereilt einen speziell dann, wenn man eh schon mit Kopfschmerzen vom langen vorm-Bildschirm-hocken erleichtert am Heimweg ist. Nach Murphy setzt sich ein solches Gespann natürlich genau Dir gegenüber. Ein nach einiger Zeit aufgestetzer Gesichtsausdruck als hätte man unsägliche Zahnschmerzen kann eventuell den Lärmpegel etwas senken - soferne man über der immens wichtigen Unterhaltung überhaupt bemerkt wird.
- Eine zweite Kombination ist die von Tussi oder cooler Macker und Handy. Das schrillt dann mit dem allerneuesten Klingelton im Zweiminutentakt, dazwischen wird zur Erbauung der Waggoninsassen unüberhörbar auf ein für uns bemitleidenswerte Außenstehende unbekanntes Gegenüber eingeredet.
- Das endemische Auftreten von Logorroeh in ganzen Gruppen habe ich oben schon kurz angesprochen, dabei gilt es aber noch zu bemerken, daß sich einer solche Gruppe inmitten immer eine/r - oder auch zwei, drei - mit einem dominanten ich-bin-so-wichtig-Gen befindet. Dieses bewirkt eine zusätzliche Erhöhung der Lautstärke, wodurch die weltbewegenden Einsichten der ebenwelchen Person wohl noch zwei Waggons weiter erhört werden können.
Ich glaub’, ich werd langsam alt.
Nein.
Ich glaub, ich war nie so jung.